die Bank vom Mann Mitte fünfzig

Der klein gewachsene Mann Mitte fünfzig

Dem Glück aus dem Weg gehen.

Es war einmal ein recht klein gewachsener Mann Mitte fünfzig, der hatte sehr viele Probleme. Er war ganz ausgebrannt von seiner Arbeit und die Aussicht erst in ungefähr zwölf Jahren in Rente zu gehen, machte es ihm nicht gerade leichter sich Tag ein, Tag aus, aus seinem nur achtzig Zentimeter breiten Einzelbett zu hiefen. Blickte er allmorgendlich in den Badezimmerspiegel, sah er einen bemitleidenswerten Mann, den er selbst kaum leiden konnte. Zudem betrübte ihn jedes Mal auf’s Neue die Tatsache, dass er allein lebte. Sobald beispielsweise ein Gegenstand in sein Blickfeld kam, der auf eben dies hinwies, wie bspw. eine einzelne Zahnbürste in seinem Becher oder nur ein Paar Birkenstock neben dem Bett, erinnerte er sich daran und verdrängte diesen Gedanken. Dabei konnte er gleichzeitig nicht umhin, seinen Blick von den Dingen abzuwenden, die ihm ein schlechtes Gefühl bereiteten.

Unvorteilhaft an dem Ganzen war nun, dass es der klein gewachsene Mann Mitte fünfzig geschafft hatte, aus fast allem was er sah, ein schlechtes Gefühl zu erzeugen. Selbst wenn er einen schlichten Stein im Stadtpark zu Gesicht bekam, beneidete er ihn dafür, nichts fühlen zu müssen und einfach nur faul herum liegen zu können. Schlussendlich wandte er seinen Blick sogar von allen glücklichen Menschen ab, die um ihn herum lachten und sich freudig begrüßten. Er war neidisch auf sie und konnte es nicht ertragen andere glücklich zu sehen, während er doch nichts hatte, an dem er sich erfreuen konnte.

Eines späten Nachmittags, als die Dämmerung bereits einsetzte, lief der Mann Mitte fünfzig mit gesenktem Blick und leicht hängenden Schultern durch den kleinen schönen Stadtpark, dessen Glanz ihm jedoch verborgen blieb. Er setzte sich auf seine gewohnte Bank genau in deren Mitte und begann erneut über sein scheinbar schreckliches Leben nachzudenken. Niemand schien ihn zu bemerken. Er hatte weder die Liebe noch Freundschaft in seinem Leben. Sein Dasein, so schlussfolgerte er, hatte keinerlei Auswirkungen auf die Welt um ihn herum.

Bei diesem Gedanken begann der klein gewachsene Mann Mitte fünfzig zu weinen. Er hatte das Gefühl, als existiere er überhaupt nicht. Als würde er neben all den anderen wie ein Geist sinnlos in Ewigkeit umher schweben. Er legte den Kopf in seine Hände und schluchzte, während seine Tränen nun auf den Kiesweg tropften. Da beschloss der Mann, einen Schlussstrich zu ziehen und seinem Leben ein Ende zu bereiten.

Der Fremde

Doch plötzlich hörte er ein leises Klick-Geräusch, woraufhin er aufschaute und erschrak. Er fiel fast von der Bank, als er neben sich einen komisch aussehenden Mann entdeckte. „Wann haben sie sich hier her gesetzt?“, fragte er geschockt. „Diese Frage kann ich nur sehr schwer beantworten, das können sie mir wirklich glauben“, antwortete der Fremde. Der Mann, der sich nun schnell die Tränen mit seinem Ärmel abwischte, blickte dem Fremden ins Gesicht und zog als Reaktion auf dessen Antwort nur die Augenbrauen fragend nach oben.

„Sie möchten also tatsächlich wissen, wann ich mich auf diese Bank hier gesetzt habe? Nun gut, dann werde ich es ihnen einmal versuchen zu erklären. Das war genau in zweiunddreißig Jahren dreiundzwanzig Tagen, fünfzehn Stunden und, ähm.“, der Mann schaute auf sein blankes Handgelenk und fuhr fort: „Ah, ja. Und genau dreiundvierzig Minuten.“, erklärte der Fremde ohne mit der Wimper zu zucken.

Total perplex schaute sich der klein gewachsene Mann um und war daraufhin gezwungen, seine Mundwinkel nach oben zu ziehen. „Haben sie gerade behauptet, sie hätten sich in der Zukunft auf diese Bank gesetzt? Wollen sie mir also erzählen, sie kämen aus der Zukunft?“
„Ja so ist es tatsächlich. Ich komme aus der alternativen Zukunft, in welcher du dich nach deinem Entschluss, dein Leben zu beenden, noch einmal besonnen hast und dem Todeswunsch nicht nachgegeben hast.“, antwortete der Fremde mit ernstem Blick.

Im Kopf des Mannes begann es zu rattern. Er verstand die Situation ganz und gar nicht, weshalb er den Versuch es zu verstehen vorerst beiseite schob und stattdessen den Fremden zum ersten Mal genauer ansah. Dieser trug einen grauen Trenchcoat, einen schwarzen Hut und Lacklederschuhe. Außerdem hatte er einen kleinen schwarzen Würfel in den Händen, welcher mit vielen unterschiedlichen Spielerreien ausgetattet war, die er die ganze Zeit mit den Fingern bearbeitete.

„Es kommt noch mehr. Du selbst warst es, der mich mit dem Auftrag hier her geschickthat, dir etwas zu geben. Du selbst in einunddreißig Jahren, dreihunderzweiundzwanzig Monaten ….“
„Wie, äh bi-tt-e?“, unterbrach ihn der klein gewachsene Mann Mitte fünfzig stotternd. Mehr brachte er nicht hervor.
Der Fremde antwortete: „Die Stotterei war zu erwarten. Nun gut. Ist ja auch egal wann genau das war. Ich will ihn dir geben.“ Er kramte tief in der rechten Tasche seines Mantels und zog einen mit rotem Wachs versiegelten Brief hervor und streckte ihn seinem Gegenüber entgegen. Langsam und mit zitternden Fingern nahm dieser den Brief entgegen, wendete sich von dem Fremden ab und richtete seinen gedankenleeren Blick auf den erhaltenen Gegenstand in seinen Händen. Wieder hörte er ein leises Klicken.

Er schaute auf und der Mann im Trenchcoat war so schnell verschwunden wie er gekommen war.
Völlig geistesabwesend hatte der Mann Mitte fünfzig sich den Brief schon fast in seine Jackentasche gesteckt, als er wütend darüber wurde, dass sich „dieser dahergelaufene Mantel tragende Wichtigtuer einfach in fremder Leute Angelegenheiten einmischt und einen dabei auch noch auf’s Korn nimmt“. Wutentbrannt zerknüllte der klein gewachsende Mann den erhaltenen Umschlag und warf ihn, ohne großartig darüber nachzudenken, in den Mülleimer direkt neben der Bank.

Da die Dunkelheit nun bereits herein gebrochen war, beschloss er, diese komische Begegnung auf sich beruhen zu lassen, aufzustehen und sich auf den Weg nach Hause zu machen. Dabei dachte er schon wieder an seine leere Wohnung, sein Einzelbett und an die einzelne Zahnbürste im Becher seines Badezimmers.

Einige Tage vergingen für den Mann Mitte fünfzig wie in Trance. Getrieben davon, den Auslösern seiner schlechten Gedanken aus dem Weg zu gehen, indem er nicht hinsah oder hörte, war es für ihn am erträglichsten zu laufen, wohlwissend, nie irgendwo stehen bleiben zu müssen, sondern immer weiter gehen und der derzeitigen Situation entfliehen zu können.

Allein und ohne Einfluss

Die Begegnung mit dem Fremden war in seiner Erinnerung bereits weit in den Hintergrund gerückt und keimte erneut auf, als er sich vor seiner gewohnten Sitzgelegenheit im schönen Stadtpark wiederfand. Er blickte in alle Richtungen, um mögliche glückliche Menschen ausfindig zu machen, war beruhigt, keine gefunden zu haben und setzte sich deshalb wie vor einigen Tagen erneut genau in die Mitte seiner Bank. So fühlte er sich wieder, als sei er völlig allein, getrennt von allem und jedem, ohne Aussicht, auch nur den geringsten Einfluss auf die kleinste Kleinigkeit nehmen zu können. Er fühlte sich wie in ein vakuumiertes Stück Fleisch und war erneut bereit, der Miseré seines Lebens ein Ende zu bereiten. Den Kopf in den Händen vergraben kullerten erneut Tränen von seinem Gesicht.

Diesmal jedoch trafen sie nicht etwa auf Kies, sondern auf einen klitzekleinen Keimling, welcher direkt dort aus der Erde hervorbrach, wo einige Tage zuvor seine Tränen in den Boden gedrungen waren und zufälligerweise einen Samen dicht unter der Erde gewässert hatten. Völlig fassungslos musste sich der Mann eingestehen, dass er selbst Unrecht damit hatte, keinen Einfluss auf seine Umwelt nehmen zu können.

Die Wende

Völlig euphorisch und ungehalten sprang der Mann Mitte fünfzig nun auf und Tränen der Erkenntnis strömten hervor und drangen überall um ihn herum in die Erde ein. Zum ersten Mal konnte er die Welt und sein Leben in ihrer wahren Schönheit erkennen. Doch dann hielt er abprubt inne, denn gleichermaßen wässerte dieser Augenblick die fast vergessene Erinnerung an den fremden Mann vor einigen Tagen. Panisch dachte er nun an den Brief, der ihm gegeben wurde und er suchte all seine Taschen vergebens danach ab. Nachdem ihm eingefallen war, dass er ihn weggeworfen hatte, stürzte er nach dem Mülleimer neben der Parkbank und begann unbeherrscht durch den Müll zu wühlen. Nach einigen Minuten durchflutete ihn eine heftige Welle der Erleichterung. Er hatte den Brief gefunden. Zwar war er voller Flecken, doch das Siegel aus Wachs war nicht gebrochen und auch sonst war der Brief nicht großartig beschädigt.

Ganz ruhig und achtsam setzte sich der klein gewachsene Mann Mitte fünfzig zurück auf die Parkbank, richtete den Blick noch einmal auf den Keimling zwischen seinen Füßen, brach das rote Siegel des Briefes entzwei und fand nichts in dem Brief, außer einer halben handvoll Samen.

Florian Reinmold
florian.reinmold@vom-hundertsten-affen.de
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