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Über die Polarität des Menschen – Teil 2

Dies ist der zweite Teil des Beitrags ,,Über die Polarität des Menschen – Teil 1‘‘, der am 7. August 2017 erschienen ist.
Hier geht’s zu Teil 1.

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Ein Sinnbild für den Menschen

Nehmen wir nun das Symbol des Yin-Yang als Sinnbild für den Menschen. Jeder Mensch vereint gute und schlechte Eigenschaften. Wer wirklich ehrlich zu sich selbst ist, kann das bestätigen. Wie schafft man es nun, dass die Menschen, beziehungsweise eine bestimmte Gemeinschaft von Menschen – denn wir vergessen oft, in all unserem Kommunikationswahn, in dieser weitreichenden Vernetzung, in diesem Zeitalter der Globalisierung, dass Menschen vor nicht allzu langer Zeit, nur über sehr begrenzte Entfernungen hinweg kommunizieren, sich also nur über sehr begrenzte Räume hinweg als Gemeinschaft definieren konnten – sich untereinander sozial verhalten? Man schafft Maßstäbe. Werte. Normen. Regeln. Gesetze. Konventionalisiert diese über eine Form der organisierenden Macht und sorgt mit guten und manchmal weniger guten und immer öfter auch mit schrecklichen Mitteln dafür, dass die Gemeinschaft diese akzeptiert und übernimmt.

Woher nun die Idee der Göttlichkeit stammt bleibt wohl ein Geheimnis vergangener Zeitalter, wohl aber, und die Nachwirkungen sind bis heute klar ersichtlich, gab es eine Zeit, da begann man diese Idee von der tatsächlichen oder konstruierten – das sei jedem selbst überlassen – Idee für bestimmte Zwecke zu nutzen. Der Zweck, auf den ich hinaus möchte, liegt wohl auf der Hand. Da Menschen in Ehrfurcht vor allem leben, was sie sich nicht mit ihren menschlichen Begriffen erklären können, kann man diese Idee nun nutzen, um ein bestimmtes Verhaltenssystem zu installieren, das, ganz klassisch, mit Belohnung und Bestrafung arbeitet. Himmel und Hölle.

Die Idee der Göttlichkeit

Man nahm nun alle Eigenschaften der Menschen, die sich im Bereich des Positiven ansiedeln, bündelte sie, schmückte sie aus, gab ihnen menschliche oder tierische Gestalt, gar eine Mischung aus beidem, verlieh ihnen diese Attribute und setze sie in einen Bereich des Übermenschlichen, um sie in eine übersinnliche Welt zu entrücken und nannte sie Gott. In monotheistischen Religionen vereint eine Instanz all diese Eigenschaften und in den polytheistischen spaltete man diese auf und schuf mehrere Gottheiten, die jeweils für eine Eigenschaft stehen. Zudem gibt man ihnen einen himmlischen Bereich, in welchem sie residieren und von welchem aus sie ihre Macht ausstrahlen. In manchen Kulturen gibt man ihnen zusätzlich eine stoffliche Manifestation, um ihrem Geist in Form von Götzen, Bildern oder verschiedensten Abbildungen einen Hafen in der menschlichen Welt zu schaffen. Man baut Schreine, Kirchen, Klöster, Tempel, Synagogen etc., um der Göttlichkeit einen Wohnort in der Menschenwelt zu schenken.

Dies alles – und dies ist essentieller Teil meiner neuen Definition – ist Ausdruck des menschlichen Eifers, der den Kult um das reine Positive, das Ideal des Menschen, den  perfekten Menschen, der durch die Loslösung von allem Negativen zu einer Gottheit wird. Dieses Ideal, Gott, Jahwe, Allah ist also das Beste und nur das Beste des Menschen in seiner abstraktesten Form.

Religionspolitik

Abspaltungen, (ich vermeide hier das Wort Sekte, da dies zu negativ konnotiert ist, wobei der ursprüngliche Sinn dessen hier gemeint ist) wie die Gegenbewegung gegen die Kirche, die häufig als Satanismus oder ähnliches bezeichnet werden oder auch andere Abspaltungen, die eventuell ein weniger negatives Image aufweisen, sind meines Erachtens nur rebellische Reaktionen auf eine misslungene religiöse Politik, wie sie beispielsweise im Mittelalter von der Kirche praktiziert wurde. Über die Fehlschläge, Fehlinterpretationen und Missbräuche von Religion soll hier jedoch nicht gesprochen werden. Es geht mir um die essentielle, die ursprüngliche Idee.

Gleiches geschieht natürlich mit dem Gegensatz von dem gesprochen, über den gesprochen und der stets als Vergleich herangezogen wird, um den Glanz des Positiven (denn ohne Negatives, nichts Positives) noch klarer zu bestimmen. Es werden ihm zwar keine Denkmäler gebaut, doch wird dem Bösen durchaus gebührend Aufmerksamkeit geschenkt, wie zum Beispiel in den verschiedensten biblischen Geschichten, wo das Böse als Antagonist hier und da seinen Auftritt hat. Selbstverständlich wird das Böse weniger verhandelt, da Religion (eigentlich) das Gute im Menschen fördern soll. Dem Bösen, dem Teufel, der Hölle oder wie auch immer dieser Gegensatz gestaltet sein mag, bildet selbstredend das Bündel aller negativen Eigenschaften, die es gilt abzulegen, zu vermeiden, zu verhindern.

Der ideale Mensch

Um die Quintessenz aus meinen Ausführungen zu formulieren: Himmel und Hölle, das Göttliche und das Teuflische, das Gute und das Böse stellen meiner Definition nach, Metaphern für die beiden Seiten des Menschen da. Unsere inhärente Polarität. Unser innerstes Wesen, das sich aus zwei großen Kategorien konstituiert. Die Ausrichtung auf das Göttliche, das wir zu unserem anzustrebenden Ideal machen, soll also jedes Individuum zu einem Gott, zum reinen Positiven, zu einem Diener des Guten, zu einem Ebenbild Gottes, zu einer vollkommenen Gestalt machen. Um diesen Gedankengang so eindrücklich wie möglich zu gestalten, formte man die einzelnen Aspekte so kunstvoll und in Abhängigkeit des jeweiligen kulturellen Zeitgeistes in verschiedenster Form aus, woraus die heute erhaltenen Religionen schließlich erwachsen sind.

Dass sich diese Religionen nun untereinander bekriegen, sich so entwickelt haben, wie sie es nun mal taten, liegt schlichtweg an der Fehlbarkeit, an der Menschlichkeit der Halter verschiedener Religionen. Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Instrumentalisierungen, Lug und Trug, Verblendung und Verdrehung sind nur Symptome der unbewussten oder gar bewussten Falschauffassungen dieser ursprünglichen Idee.

Ein Beispiel

Ein kurzer Blick in den Buddhismus reicht hoffentlich aus, um meine These glaubhaft zu untermauern:
Man spricht im Buddhismus stets von dem Buddha. Laien oder Menschen, die sich nie im Speziellen mit der Lehre des Buddhismus auseinandergesetzt haben, werden zunächst an die zahlreichen Abbildungen, kleinen und größeren Statuen denken, die alle scheinbar den Buddha darstellen sollen. ,Scheinbar, weil es sich oft auch um verschiedene Personen handelt. Dies führt zur nächsten Assoziation: Der Buddha ist die Person, die den Buddhismus erstmals gelehrt hat. Dies ist so zunächst richtig, jedoch nicht absolut. Was nun, wenn ich, der Autor, sage, dass Du, also der Leser dieser Zeilen, ebenfalls ein Buddha ist? Du stutzt? Das wüsstest Du, wenn Du es wärst? Ja und Nein. Denn wenn Du es wüsstest, wirklich begreifen und verstehen würdest, dann hättest du längst Erleuchtung erlangt.

Im Klartext: Als Buddha wird, wie Du zurecht behauptest, der geistige Vater der buddhistischen Lehre, Siddharta Gautama, bezeichnet. Allerdings war und ist er nicht der Einzige der diesen Titel für sich beansprucht. Es gab vor und nach ihm bedeutende Personen die ebenfalls als große und wichtige Buddhas in die Geschichte eingegangen sind, wie beispielsweise Padmasambhava, um nur einen zu nennen. Weiter bezeichnet buddha jedoch auch den erleuchteten Zustand an sich. Der erleuchtete Geist, der göttliche Geist, ist der, der alle Verblendungen, alle negativen Eigenschaften und irgendwann auch alle Eigenschaften als solche abgelegt hat. Es geht also nicht darum etwas hinzuzugewinnen, außer vielleicht Erkenntnis. Es geht darum etwas abzulegen. Gott steckt also in jedem von uns. Gott oder das Göttliche, das Reine, als unser innerstes Wesen, das, wenn es ganz und gar rein, klar und frei ist, ewiges Glück, Segen und Vollkommenheit bringt. Man setzt sich also über die Kategorien Gut und Böse hinweg, überwindet sie und erlangt dadurch Zufriedenheit die frei von Dauer ist. Ein Zustand vollendeten Glücks.

Die Polarität in verschiedenem Gewand

Mit diesem Beispiel einer weiteren großen Religion soll verdeutlicht werden, in welcher Form die Maßstäbe und Normen ebenfalls vorkommen können. Hier ist die Verhandlung der menschlichen Polarität nicht externalisiert worden, sondern findet in unserem tiefsten Inneren statt, an der Quelle, am Ursprung, an der Essenz. Dies macht es jedoch abstrakt und oftmals schwer greifbar, weshalb andere Religionen diese auf eine greifbarere Ebene in Form von Himmel und Hölle gehoben haben.

Ich hoffe diese meine Ansicht komplettiert oder ergänzt Deine Perspektive und fördert Dein Verständnis gegenüber Andersartigkeit und macht Dich vielleicht empfänglicher für die wichtige Botschaft, die hinter jeder und für die jede Religion meines Erachtens steht.

Die Botschaft besagt meiner Definition nach in etwas Folgendes: Es gibt die Polarität. Erkenne ihre Konstanz und ihre fließenden Grenzen. Es liegt allein bei dir, die Dinge zum Positiven oder zum Negativen zu wenden.

Marco Lo Voi
marco.lovoi@vom-hundertsten-affen.de
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