Die Sache mit der Zukunft

Die Sache mit der Zukunft

,,Ja, und was kann man damit machen?‘‘

So oder so ähnlich lautet meist die nächste Frage, wenn ich zuvor über mein Studienfach ausgehorcht wurde. Ja, ich studiere Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft und im Nebenfach Italienisch auf Bachelor, und nein, ich kann dir, lieber Fragesteller, keinen genauen Berufswunsch angeben, den ich damit verfolge. Meine Entscheidungskriterien für die unmittelbare oder fernere Zukunft weichen wohl etwas vom Konsens der Leistungsgesellschaft ab. ,,Ja, und was kann man damit machen?‘‘ Ist meist die relativierende Folgefrage, die im eigentlichen Sinne keine Relativierung ist, sondern bloß den offensichtlichen Zweifel der Sinnhaftigkeit meines Studiums in Freundlichkeit zu hüllen versucht.

Zunächst ist Folgendes zu sagen: Ich entscheide mich grundsätzlich nach meinem angeborenen Gefühl für Gut und Schlecht. Das hat nichts mit Spontanität oder Willkür zu tun. Ich versuche in mich hineinzuhorchen, um dort nach der Entscheidung zu suchen, die meine unmittelbare Zukunft zum Positiven hin verändert.

Das Wesen der Zukunft

Nun ist das Wesen der Zukunft äußerst problematisch, da wir leider nicht in der Lage sind, diese vorhersagen zu können. Seit jeher hatte man schon die Sehnsucht, in die Zukunft blicken zu können. Nur bleibt uns dieser Blick verwehrt. Was also tun? Wir konstruieren eine oder mehrere Möglichkeiten, wie die Zukunft aussehen mag. Oftmals fällt die Konstruktion so stabil aus, dass wir nahezu vollständig davon überzeugt sind, so müsste sie aussehen. Bei dieser Konstruktion sind wir erheblichen Beeinträchtigungen ausgesetzt, die aus unserer eigenen Gedanken- und Gefühlswelt, sowie aus Fremdeinflüssen herrühren. Die Intensität und die Art der Beeinflussung ist von Mensch zu Mensch, von Moment zu Moment und von Entscheidung zu Entscheidung unterschiedlich. Diese Vorgang passiert oftmals in Sekundenschnelle, sodass wir gar nicht realisieren, wie sich ein hypothetisches, fiktives Gebilde aus unserem Geiste erhebt und uns als die vermeintlich gesicherte Wahrheit entgegentritt.

Es mag natürlich durchaus Situationen geben, in denen wir in der Lage sind, mit einer solchen Konstruktion die tatsächlich eintretende Zukunft nachzuzeichnen, aber die Erkenntnis erfolgt immer erst im Moment, in dem die Zukunft zur Gegenwart wird. Man kann also niemals, wenn man es peinlich genau nimmt, in vollständiger Gewissheit sein, bis sich die geistige Konstruktion in der sogenannten ,,Realität‘‘ manifestiert.

Das Werden

Nun ist der westliche Geist leider immer im Begriff zu werden ohne zu reflektieren, was er denn eigentlich ist. Wir gehen in die Oberstufe, um einmal studieren zu können, studieren, um einmal viel arbeiten zu können, gehen arbeiten, um damit viel Geld zu verdienen, verdienen viel Geld, um es in der wenigen verbliebenen Zeit in dem Verhältnis auszugeben, wie es da ist, um in unseren freien Stunden die Arbeit vergessen zu können, und wir sparen, um einmal ein Haus zu bauen, und wenn wir es geschafft haben, genießen wir ein paar Jahre in hohem Alter, um von unserem Nachwuchs in ein Altersheim gesteckt zu werden, bis wir bis zuletzt von Maschinen am Leben erhalten ans Bett gefesselt sind, um festzustellen, dass wir stets wussten, wer oder was wir sein wollten, schlussendlich aber immer noch nicht wissen wer oder was wir sind.

Im Idealfall läuft es so. Es kann natürlich auch ganz anders kommen. Ein Jahr vor der Rente überfahren von einem Bus. Kurz bevor der Kredit für das Haus getilgt ist, wegen Krankheit arbeitsunfähig sein und in Schulden versinken.

Das letztendliche Ziel

Was ich damit sagen möchte ist Folgendes: Dies kann jedem passieren. Jedem. Wer also zeit seines Lebens Entscheidungen trifft, in der bloßen Aussicht, eines Tages wohlhabend und glücklich zu sein, den trifft es am härtesten, wenn diese Aussicht durch die Tücken des Lebens mit einem Schlag zerstört wird. Selbstverständlich ist man hin und wieder gezwungen Entscheidungen zu treffen, die sich für den Moment nicht richtig anfühlen, aber dies sollte nicht ausschließlich der Fall sein – so mein Rat.

Ich weiß nicht wohin mich mein Weg führen wird. Ich weiß nur, dass es sich im Moment richtig anfühlt. Ob sich dies ändert, weiß ich nicht. Falls ja, dann werde ich mein Handeln korrigieren, um der Glückseligkeit wieder ein Stück näher zu sein. Denn was ist das Ziel? Nicht das Berufsziel oder das Jahresabschlussziel oder die Zielvorstellung. Sondern das letztendliche Ziel?

Und was ist mit euch? Fühlt ihr euch in eurer momentan Situation wohl? Tut es gut, was ihr macht? Was ist euer Ziel? Wohin führt euch euer Weg? Ich freue mich auf anregende Kommentare!

Marco Lo Voi
marco.lovoi@vom-hundertsten-affen.de
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