Die wahre Meisterschaft

Die wahre Meisterschaft – Eine Erzählung

Diese Erzählung hat ein mir unbekannter Wanderer voller Inbrunst berichtet. Sie handelt von großer Weisheit, Streit und der wahren Meisterschaft.
Und so hatte er erzählt:

Der Jadedrache

In einem fernen Land, weit im Osten, wo die Menschen kleiner sind als hier, und wo es große Reisfelder gibt. Dort begab es sich zu einer Zeit, dass ein alternder Meister der Kampfkunst und der fernöstlichen Philosophie zwei Söhne im selben Alter hatte. Zwillinge eben. Sie lebten als kleine Familie in einem kleinen Bergdorf einer kleinen Provinz, die Teil einer kleinen Region eines kleinen Königreichs war. Nichtsdestotrotz waren die Schüler des Meisters im ganzen Lande für ihre Fertigkeiten bekannt. Der Meister galt als einer der weisesten und fähigsten Männer seiner Zeit und seine kleine Schule, Der Jadedrache, war im ganzen Land eine geachtete Adresse.

Als seine Söhne reif waren, nahm der Meister auch sie, Rin und Lang, in die Lehre und unterwies sie in den geistigen und körperlichen Lehren. Sie waren beide äußerst begabt, fleißig und ihrem Vater, dem Meister, ergeben.

Da der Meister einen solch hohen Grad an geistiger und körperlicher Ausgewogenheit und Stärke erlangt hatte, sagten manche von ihm, er habe die Natur seines eigenen Geistes freigelegt und habe nirvana bereits zu Lebzeiten erreicht. Er selbst widersprach diesem Gerücht nie, hatte es aber auch nicht bestätigt. Er erwiderte stets nur: ,,Bescheidenheit ist der erste Schritt zu geistiger Schönheit.‘‘

Nach Jahren entbehrungsreichem Trainings und Tagen des Verweilens in tiefer Meditation, hatten auch seine Söhne den Grad eines Meisters erlangt. Rin war nun ein geduldiger Kämpfer mit dem Bo-Stab, Lang ein feuriger Krieger mit dem Katana. Sie waren Zwillinge und dem äußeren Anschein gleich, wie ein Reiskorn dem anderen, doch ihre Gemüter waren so verschieden, wie Schwarz und Weiß. Als der Meister das Ende seines Lebens kommen sah, – denn diejenigen, die ihren Geist bis auf den Grund erforscht haben, sind fähig das physische Ende ihres Leben vorauszuahnen – ließ er seine Söhne zu sich kommen. Er übertrug ihnen beiden, da er keinen Unterschied in den Fähigkeiten, wohl aber im Wesen der beiden erkennen konnte, die Leitung der Schule und übergab ihnen als Zeichen der Meisterwürde jeweils ein Amulett mit den Insignien des Jadedrachen. Eine gewundene, schlangengleiche Gestalt, zur Hälfte weiß und zur Hälfte schwarz war darauf zu sehen.

Das Erbe

Heute sagt man, er sei aufrechten Sitzes und in tiefer Meditation verstorben. Sein Körper habe die Regenbogentransformation erlebt, und so fand man am darauffolgenden Tag nur seinen seidenen Kimono.
Im fernen Osten geht man anders mit dem Tod eines Anverwandten um, als es in unserer westlichen Kultur der Fall ist. Dort ist eine Trauerfeier eine tatsächliche feierliche Veranstaltung, bei dem die Anwesenden das einstweilige Verlassen des Geistes aus dem Kreislauf samsaras, wie sie die diesseitige Welt nennen, feiern, um somit ihre frohe Anteilnahme zu bekunden. Doch da alle um die Art und Weise des Verlassens des Meisters wussten, war diese Feierlichkeit von außerordentlicher Freude geprägt. Die Regenbogentransformation ist ein untrüglicher Beweis für das Eingehen in nirvana, der Geist des Meisters hat also den Kreislauf des Leidens durchbrochen und genießt nun zeit- und grenzenlose Glückseligkeit.

Die Zeit zog ins Land und die beiden Söhne, Rin und Lang machten ihrem Vater alle Ehre. Unter ihrer Leitung erreichte Der Jadedrache ein nie da gewesenes Ansehen.
Bis zu jenem Tag.

Der Fremde

Ein Fremder kam in das kleine Bergdorf mit der landesweit bekannten Schule und erkundigte sich nach den beiden Meistern Rin und Lang. ,,Sie leben in einem bescheidenen Haus, am äußersten Rande des Dorfs.‘‘ , war die Antwort eines alten Reispflanzers, als der Fremde um diese Auskunft gebeten hatte. ,,Mein Sohn ist bereits seit einem Jahr in der Lehre bei ihnen. Der Jadedrachen ist der Stolz unseres Dorfes und ich bin sehr glücklich, dass mein Sohn die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Sie akzeptieren beileibe nicht jeden Anwärter.‘‘, lautete die ausführliche Antwort einer stolzen Mutter, die gerade ihren staubigen Hof fegte. So zog der Fremde von einer Hütte zur nächsten und vernahm ausschließlich positive Antworten auf seine Fragen zu den beiden Meistern.
Bis zu jener Frage.

,,Der bessere von beiden?‘‘, begannen alle Befragten ihre holprige Antwort, die nicht nur inhaltlich stark im Kontrast zu den übrigen Reaktionen stand. ,,Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber ich finde die Gelassenheit Rins ist die wahre Kunst des Lebens.‘‘, sprachen sich die Einen für Rin aus. ,,Darüber habe ich noch nie nachgedacht, jedoch ist für mich das Schwert die effektivere Waffe im entschlossenen Kampf.‘‘, bekannten sich die anderen zu ihrer Präferenz für Lang. Nun entbrannten innerhalb der Gemeinde Diskussionen und Wortgefechte, wer der beiden nun dem anderen überlegen sei. Als der Fremde dies erkannt hatte, wusste er, dass sein Werk getan war. Daraufhin verließ er das Dorf so still und unerkannt, wie er es betreten hatte.

Die Entzweiung

Aufgrund der überschaubaren Ausdehnung des beschaulichen Bergdorfs, war die Spaltung in zwei Lager sehr schnell abgeschlossen. Die Einen gaben Rin, die Anderen Lang den Vorzug. Natürlich bemerkten auch die beiden Meister sehr schnell, dass unter ihren Schülern getuschelt wurde. Zu Anfang wurden die aufkeimenden Tuscheleien mit harter Hand unterbunden, doch als der Gesprächsgegenstand zu ihnen hindurchdrang, schwiegen sie verdutzt. Sie blickten sich gegenseitig an. Es wurde still um sie. Die Schüler erkannten die Situation und verließen auf leisen Sohlen das dojo und beließen es für diesen Tag mit dem Training.

Die beiden Brüder erkannten in den Augen ihres Gegenüber die Antwort auf jene verhängnisvolle Frage. Sie erkannten das Überlegenheitsgefühl des anderen. Sie erkannten die Gewissheit des anderen. Und sie erkannten die Folgen die daraus resultieren würden. Stumm erhoben sie sich gleichzeitig. Sie wandten sich um und verließen in entgegengesetzter Richtung den Raum.

Am nächsten Tag verkündete ein Sprecher des Jadedrachen die sofortige Auflösung der Schule. Die beiden Meister wollten nun jeder für sich eine neue Schule eröffnen, um den langen Wettkampf zwischen ihnen einzuleiten. Noch am selben Tag wurden alle Besorgungen dafür in Auftrag gegeben. Man teilte das dojo genau in der Hälfte. Es wurde eine Wand durch die Mitte gezogen, die eine Eingangstür wurde durch zwei neue ersetzt, der kleine Treppenaufgang zum Eingang wurde durch ein Geländer getrennt, der Bestand an Gerätschaften und Utensilien wurde brüderlich aufgeteilt und die eine Hälfte der nun geteilten Hütte wurde gänzlich in Weiß, die andere gänzlich in Schwarz angestrichen. Neue Schilder, Kimonos und Kampfgewänder wurden passend dazu angefertigt. So entstand die Schule des Weißen und die Schule des Schwarzen Jadedrachen, wie es auf den neuen Schildern über den jeweiligen Tür des geteilten Gebäudes geschrieben stand. Rin und seine Schüler in Weiß verschrieben sich ganz dem Training des Bo-Stabs und der Praxis der tiefen Versenkungsmeditation in völliger Stille. Lang und seine Schüler in Schwarz widmeten sich fortan dem Katana und der rezitierenden Mantrameditation im chorartigen Gesang.

So wie das dojo eine physische Grenze durchzog, so zog sich eine psychische Spaltung durch die ehemalig einträchtige Gemeinschaft des Dorfs. Nein, von Feindschaf konnte man nicht sprechen, die Einwohner der Weißen Partei, wie sich die Anhänger Rins nannten, blieben auf höflicher Distanz zu den Anhängern Langs, der schwarzen Partei. Die Schüler der beiden Meister hegten keinen Zorn gegen die jeweils anderen, jedoch war der Umgang zwischen ihnen von einer deutlichen Rivalität geprägt.

Natürlich sprach sich dieser Umstand mit der Zeit im ganzen Königreich herum. Die Reaktionen der unbedarft Denkenden waren recht ähnlich, wie die der Bewohner des kleinen Bergdorfs. Sie bekannten Farbe und sagten Dinge wie: ,,Ich hatte schon damit gerechnet, dass es eines Tages soweit kommen würde. Rin war doch ohnehin nur ein Klotz am Bein seines Bruders.‘‘, ,,Was redest du da? Lang sonnte sich doch stets nur in den Erfolgen seines Bruders und tat selbst rein gar nichts.‘‘

Wenige, die die Ernsthaftigkeit der Lage erkannt hatten, zeigten sich besorgt. Ausgerechnet die beste Schule des Königreichs musste sich entzweien, dachten sie, doch ihre Gedanken gingen in den Wortgefechten der Unbedarften unter.

Der Wetteifer

In ihren Bestrebungen, nur den eigenen Bruder zu übertreffen, verloren die beiden das eigentliche Ziel der Lehre über Körper und Geist. Sie gaben sich selbst dem Wetteifer hin und ihre Seelen wurden zunehmend aufgewühlt und verwirrt. Sie verfolgten fieberhaft das Treiben des Anderen und versuchte ihn in seinen Vorhaben zu übertrumpfen. Die einstmalige Gelassenheit und Ruhe Rins verlor sich in seinen Bemühungen, das Feuer seine Bruders nachzuempfinden und ebenso zu entfachen. Lang unterdrückte seine Leidenschaft und Kreativität, um die kühle Ordnung Rins in seine Handlung einfließen zu lassen, wobei die Flamme seiner Seele an Kraft verlor.

Unmerklich und in schleichender Veränderung nahm die Qualität der Lehrstunden ab. Die beiden Meister erhoben den Wettbewerbsgeist und das Gewinnstreben über die wahren Motive des Lehrens und des Lernens. Nämlich Wahrheit und Gleichgewicht. Es vergingen viele Tage, da sank das Ansehen des Bergdorfs in dem Maße, wie die Absolventen der Schulen des Weißen und des Schwarzen Jadedrachen unbedeutender wurden. Sie hatten aus unerfindlichen Gründen nicht die gleiche Ausstrahlung, Tatkraft und Stärke wie zuvor. Die Meister wurden zunehmend verbittert, da ihre Erfolge sich nicht steigerten, sondern das Gegenteil eintrat. Es kamen zunehmend weniger Schüler zu ihnen, da die Bewohner des Bergdorfs diese Tendenz erkannten und bis auf diejenigen, die den Meistern sehr nahe standen, schickten die Übrigen ihre Söhne zu weit entfernten Schulen, auf dass sie dort in die Lehre gingen.

Bis zu dem Tag, an dem auch die letzten Schüler abgingen und die Meister vereinsamt und verzweifelt alleine blieben. Doch sie waren unfähig zu handeln, denn ihre Herzen waren bereits von Eifer und Gier verhärtet. Da kam der Fremde erneut ins Dorf.

Die Vollmondnacht

Dieses Mal jedoch, erschien er direkt vor dem geteilten dojo der ehemalig glänzenden Schule. Nun waren die Dielen jedoch bereits von einer dünnen Staubschicht bedeckt. Er trat zunächst in den Weißen Jadedrachen ein. Ein paar Minuten später sah man seine verhüllte Gestalt in der Tür zum Schwarzen Jadedrachen verschwinden. Wiederum waren ein paar Augenblicke verstrichen, da verließ die Gestalt getragenen Schrittes das Dorf. Der Fremde hatte beide Meister zu einem Treffen beim nächsten Vollmond, um Mitternacht, auf dem Hügel vor dem Dorf gebeten. Scheinbar wusste er genauestens, wie er beide dazu bewegen konnte. Sie jedoch wussten nichts vom jeweils Anderen.

Vollmond. Rin blickte mit müden Augen in die vollkommene, bleiche Scheibe des Himmelskörpers und ließ sich von seinem Anblick in seinen Bann ziehen. Da hörte er jemanden nähertreten. ,,Rin.‘‘ Es war die einstmals feurige Stimme seines Bruders Lang, die nunmehr nach erkalteter Asche klang. ,,Lang.‘‘ Mit einer nervösen Stimme brachte Rin diese Silbe hervor, die Gelassenheit war vollständig von ihm gewichen. Der helle Mond warf einen tiefen Schatten auf die Gestalten der beiden, so konnten sie das Gesicht des jeweils anderen nur schemenhaft erahnen. Beide hatten die Hände locker an ihre Waffen gelegt. Bereit für ein Kräftemessen. ,,Man sagte mir, ich würde hier erfahren, wie ich wieder zu einem erfolgreichen Lehrmeister werden würde.‘‘ Erhob Lang zuerst das Wort. ,,Dasselbe ward mir zugetragen.‘‘ Erwiderte Rin. Beide blickten prüfend in das schattige Gesicht des Gegenüber. ,,Nun ist es soweit.‘‘ Ergriff wieder Lang das Wort. ,,Ja. Das lang aufgeschobene Kräftemessen soll nun endlich stattfinden.‘‘ Entgegnete Rin kühl. Mit gezückter Klinge und erhobenem Stab stürmten sie aufeinander los.

Niemand weiß genau, wie lange der Kampf tatsächlich dauerte. Einige sagen, er sei bereits vor Sonnenaufgang vorbei gewesen. Andere behaupten sie hätten drei Tage und Nächte gekämpft. Die Meister selbst sprachen nie mehr von diesem Vorfall. Mit erhobener Waffe auf den eigenen Bruder loszugehen, sagten sie stets nur, war die größte Verfehlung ihres derzeitigen Lebens.

Das Ende des Kampfes war ausgeglichen. Erschöpft und ohne Kraft standen sich die beiden Meister gegenüber. ,,Du bist schwach geworden.‘‘, sagte Lang. Dabei war nicht ganz klar ob er sich selbst, oder seinen Bruder meinte. ,,Ebenso wie du. Wir haben beide die Ehre unserer Meisterwürde eingebüßt.‘‘, gestand Rin ein. ,,Der Fremde hat mich belogen.‘‘, begann Rin erneut. ,,Er sagte, hier habe ich die Möglichkeit, endlich meine verlorene Kraft wiederzuerlangen.‘‘ Ein dunkle Ahnung stieg bei diesen Worten in beiden auf. ,,Mir hat er dasselbe gesagt, Rin.‘‘ Eine lange Pause entstand. Sie blickten sich an. Und sie verstanden beide. Der Fremde hatte nicht gelogen.

Die Wiedererlangung der Meisterschaft

Am darauffolgenden Tage ließen sie ihre Sprecher verlauten, dass es die Schulen des Weißen und des schwarzen Schwarzen Jadedrachen nicht mehr länger geben werde. Sie ließen die Wände, das Geländer und die Türen einreißen und vereinten das, was ehemals getrennt war. Die Schule des Jadedrachen wurde wieder eröffnet.

In wenigen Monaten hatten die Brüder den Ruf ihrer Schule wiederhergestellt. Mehr noch, sie vermehrten ihn sogar, sodass viele talentierte Anwärter aus weit entfernten Königreichen in das kleine Bergdorf kamen, um von den weisen Meistern zu lernen.

Was war geschehen? Die beiden Brüder hatten ihre wichtigste Lektion gelernt. Die Lehre, die sie aus der Entzweiung und der Wiedervereinigung des Jadedrachen zogen, wurde zur Essenz ihrer neu erwachten Weisheit und zum Grundstein ihrer Ausbildung. Jeder Anwärter, der die Aufnahmeprüfung bestand, erhielt sie als erste Unterweisung. Sie lautete in etwa wie folgt: ,,Die wahre Stärke eines Mannes, liegt in den Stärken seiner Mitstreiter, die die eigenen Fertigkeiten ergänzen. Nur so kann wahre Meisterschaft erlangt und das Gleichgewicht von Körper und Seele hergestellt werden. Merkt euch dies gut! Auf eigene Faust, alle anderen nur als Maßstab der eigenen Leistung nehmend, geht ihr gewiss fehl. Messt euch an euch selbst! Habt ihr inniger praktiziert als am Vortag? Ward ihr ausdauernder in der Meditation als vor einer Woche? Seid ihr sicherer im Umgang mit Bo und Katana als vor einem Monat? Geht Schritt für Schritt. Und falls euch ein Schritt schwer fällt, sucht Rat bei einem Besseren. Stellt Fragen und lasst euch unterweisen. Schluckt euren Stolz und geht aufeinander zu. Lernt vom anderen zu lernen und erlangt dadurch die wahre Meisterschaft.‘‘

Marco Lo Voi
marco.lovoi@vom-hundertsten-affen.de
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