Wartezimmer

Kreis der anonymen Schweigenden

Auftritt: Ich.

Ich betrete mit leicht gesenktem Blick und entschlossen wirkendem Schritt den Raum. Sofort heben die Anwesenden ihrerseits ihre Blicke, um den Neuankömmling in Sekundenschnelle zu analysieren. Ein kurzes, ansatzloses und mehr gebrummtes als ausgesprochenes ,,Hallo‘‘ meinerseits, wird mit kollektiven, ebenfalls mehr genuschelten als wirklich artikulierten, unterschiedlichen Begrüßungsformeln wie ,,Tag‘‘, ,,Salli‘‘, ,,Hm‘‘, oder einem  Kopfnicken respondiert. Die eingeschworene Gemeinde heftet nun die Blicke auf mich, bis ich mir in wenigen Bruchteilen einer Sekunde einen Platz in ihren Reihen gesucht habe, um ebenfalls Teil dieser Temporärgemeinde zu werden. Die mit Kunstleder bezogenen Alustühle  sind an den Wänden des quadratischen, sehr überschaubaren Raums angeordnet und etwa fünfzehn an der Zahl. Fünf sind bereits belegt.  Ich setze mich neben eine etwas fülligere Dame mittleren Alters, wobei ich jedoch einen leeren Stuhl zwischen mir und ihr lasse, wie das der moderne Mensch ebenso auf Bahnhofs- und Parkbänken, im Bus, der Bahn, in der Kantine, auf öffentlichen Toiletten oder eben hier, tut.

Der Kreis.

Weitere Mitglieder in unserer Familie sind: ein sehr alter Mann, mit einer klassischen Opa-Weißhaar-Frisur und einer wahnsinnig großen Brille, in seiner Begleitung vermutlich seine Ehefrau, die ihr Haar braun gefärbt hat, die Ohren von den schweren Goldohrringen langgezogen, die, in sich zusammengesunken, vor sich hin stiert. Weiter wären da noch ein hagerer Kerl, schätzungsweise Mitte bis Ende dreißig, mit einer Mamas-Liebling-Frisur und ohne jeglichen Bartwuchs. Passend dazu trägt er einen karierten Pullunder und eine Hochwasserhose. Ich bin mir nicht sicher, aber ich schätze die etwa sechzigjährige, schlank, fast mager wirkende Dame mit einer markanten Hakennase, welche an einen intelligenten, doch sturen Adler aus einer Fabel erinnert, ist die Mutter des hageren Kerls, dessen Nasen seiner Mutter in naher Zukunft wohl immer ähnlicher sehen wird.

Der Raum ist von einem Eierschalenweiß, irgendwie weich, aber doch kalt, angenehm an Temperatur, doch atmosphärisch gedrückt. Jeder hat einen anderen Grund hier zu sein.  Jeder weiß nur den eigenen. Und keiner wird den Grund des anderen je erfahren, denn niemand würde freiwillig damit rausrücken. So sitzt nun unser Kollektiv, mit ausdruckslosem Gesicht und wartend-apathischer Haltung. Einzelne bedienen sich an buntbebilderten Zeittotschlaghilfen, die auf einem sehr flachen, quadratischen Glastisch, der im Zentrum des Raumes steht, liegen, um Wartezeiten zu überbrücken.

Auftritt: Sie.

Noch bevor Erste uns verlassen, stoßen bereits neue künftige Mitglieder zu unserem eingeschworenen Kreis der Anonymen dazu. Ein kleiner Lichtblick in dieser, mit Leuchtstoffröhrenlampen ausgestatteten, kunstlichtdurchfluteten Höhle, die nebenbei noch pseudonatürlich mit Kunststoffpflanzen in der einen Ecke, und möchtegernkünstlerisch, mit einem fragwürdigen Gemälde an einer zufällig gewählten Wand, gestaltet wurde, ist eine zierliche, jedoch durchaus schon frauliche, etwa achtzehn Lenze zählende Adamstochter, die mit ihren langen, offenen Haaren und dunkelbraunen Augen im Türrahmen erschien. Im Schlepptau eine ältere, jedoch noch durchaus rüstige Version der Vorausgegangenen, mit Handtasche und leicht schiebender Haltung, da ihr Nachwuchs wie verwurzelt stehen blieb, um die Situation im Raum zu begutachten.

Wie bei jedweden Neuankömmlingen lichtet sich für wenige Augenblicke der Vorhang der Apathie und es erscheint ein Bühnenbild der Neugierde auf den Gesichtern, der bereits fest miteinander verbundenen Gesellschaft des Raumes. Wie jeder Neuankömmling verhält auch dieses hübsche Mädchen sich nach dem typischen Verhaltensmuster und vollzieht den selben Handlungsablauf, wie ich selbst ihn, noch vor wenigen Minuten erst, vollzogen habe. Sie wirft einen schüchternen Blick in die Runde, murmelt eine Begrüßungsformel ihrer Wahl, wobei diese eine x-beliebige sein kann, da durch die undeutliche Aussprache alles in etwa gleich klingt, danach wirft sie nochmal einen Rundblick, diesmal aber einen Suchenden, da sie sich in unsere Zweckgesellschaft einbinden muss. Ihre Wahl fällt auf die zwei nebeneinander freien Stühle, direkt zu ihrer Linken neben der Tür, für sie und ihr anwesendes Elternteil.

Kurz nach Kontaktaufnahme ihres Hinterteils mit dem Kunstleder des Sitzes, zückt sie ihr Mobiltelefon und flüchtet sich in die digitale Welt, um den auf sie einstürzenden Einflüssen zu entfliehen.
Nun liegt meine ganze Aufmerksamkeit bei ihr. Ich mustere sie aus dem Augenwinkel eingehend, jedoch versuche ich meine Beobachtungen im Verdeckten zu machen, da ich beileibe nicht aufdringlich wirken möchte. Doch hier im Raum ist Leutebeobachten fast schon zu leicht, was man an meiner detaillierten Erzählung vielleicht ohne mein Erwähnen, erschließen kann, da hier jeder mit halb gesenktem Blick mit sich selbst beschäftigt ist, denn keiner ist freiwillig hier.
Sie trägt eine modisch-ausgewaschene, helle Jeans mit geflochtenem Ledergürtel, der etwas an einen Westernstyle erinnert, dazu ein weißes Oberteil, das aussieht wie ein zu kurzes Sommerkleid, da es am unteren Ende sehr weit geschnitten ist, jedoch so kurz gehalten, dass der Gürtel im sitzen hervorschaut. Eine Haarspange ziert ihre leicht welligen Haare, die man noch nicht als lockig bezeichnen kann, doch bei weitem nicht glatt sind. Ganz nach meinem Geschmack sind sie von einem satten Braun, genauso ihre Augen, die sie niedergeschlagen auf ihren Bildschirm gerichtet hat.

Doch was ist das? Ihr scheinen die Augenlider etwas zu schwer zu sein, denn ihr Kopf nickte nahezu unmerklich nach vorn und gleich wieder zurück, ihre Augen sind beinah geschlossen und ihre ganze Haltung ist recht zusammengesunken. Ist da jemand müde? *Dong* Das elektronische Signal zur weiteren Abfertigung ertönt und die junge Dame schreckt ein wenig auf. Mit leicht geröteten Wangen wirft sie einen unauffälligen Blick in die Runde, doch keiner schien es gesehen zu haben. Denkt zumindest sie. Ich musste mir ein zu übertriebenes Schmunzeln verkneifen und sehe aus dem mit weißen Gardinen versehenem Fenster hinaus, als wäre ich passionierter Vogelexperte. Unmittelbar nach dem Ertönen des Signals erhob sich Mama’s Liebling und verließ alleine den Raum, nach kurzer, genuschelter, in fremden Zungen formulierter, sehr leiser Absprache mit seinem Muttertier, wie es für den Raum üblich ist.
Ich frage mich in welcher Reihenfolge die, bei meiner Ankunft bereits Anwesenden, ankamen, da dies entschied, wer uns in welcher Reihenfolge verlässt. Kurz nach dem ersten, ertönte auch schon das zweite Mal das selbe elektronische *Dong*, was wieder zur Folge hat, dass die braunhaarige Schönheit ein weiteres Mal unmerklich aufschreckt, jedoch nun ohne peinlich berührt zu sein. Der Opa mit klassischem Opastyle erhebt sich, gestützt von seiner fürsorglichen Ehefrau mit den goldbewehrten Schlabberohren, und begibt sich Richtung Türschwelle, um der Gemeinschaft zu entsagen. Der Raum, so klein er auch sein mag, scheint sich für den alten Mann durch seine dicke Brille in die Unendlichkeit zu ziehen, dazu kommt noch die Schikane im Zentrum die es gekonnt zu umschiffen galt, was Skipper ,,Goldschlabberohr‘‘ scheinbar mühelos beherrscht. Sie ist eine Veteranin in der Handhabung ihres seetüchtigen Wracks. Nach gefühlten fünfzehn Minuten erreicht die  Mannschaft das Kap der Türschwelle und verschwindet mit wortlosem Gruß. Im Geiste winke ich mit feuchtem Auge und einem weißen Taschentuch der am Horizont verschwindenden Fregatte hinterher.

Die Zeit und Ich.

Wer aufgepasst hat weiß, dass nun bald auch meine Zeit gekommen ist den Anker zu lichten. Doch es mag sich nur noch um Stunden handeln. Wie lange sitze ich nun schon hier? Ich vermeide es zu oft auf die Uhr zu schauen und appelliere an meine Engelsgeduld und meine Gabe, die Zeit zu beschleunigen, indem ich mich mit intensiven Beobachten meiner Umgebung ablenke und beschäftige. Begleitet von Reflexion und Vorformulierung zu etwaigen, späteren Textproduktionen, fließt der Fluss der Zeit nur so an meiner geistigen Wahrnehmung vorbei. Es grenzt nahezu an Meditation. Diese Fähigkeit habe ich mir auf meiner einmonatigen Reise angeeignet, da es unweigerlich zu längeren Aufenthalten, Busfahrten und Wartezeiten kam. Wenn man nicht vor Langeweile sterben will, muss man Techniken entwickeln, die Zeit nicht mehr als zäh-flüssige Substanz zu sehen, sondern als kostbare Quintessenz, der geistigen und körperlichen Entwicklung, denn nicht genutzte Zeit, ist die Hauptursache von Reue, die man auf dem Sterbebett verspürt. So meine Theorie. Denn das Leben, egal wie alt man wird, ist immer zu kurz. Die Jugend ist schon vorbei.

Rückblickend habe ich viele Erinnerungen und es liegen noch mehr im Äther verborgen, die man erst durch Gespräche mit Mitmenschen aus dieser Zeit wieder wachrufen kann. Mit meinen lausigen 20 Jahre liebe ich es schon in der Vergangenheit zu schwelgen. Ich glaube, ich werde ein guter Großvater. So einer mit Pfeife im Mundwinkel, im dicken Ohrensessel, die Enkel auf dem Schoß und stets eine gute Geschichte auf Lager. Oder ich liege schon sabbernd, dement und gefesselt im Altenheim. Wer weiß das schon. *Dong* Das elektronische Signal reißt mich abrupt aus meinen Gedanken. Ich glaube, ich saß eben mit einem genauso apathischen Gesichtsausdruck da, wie es alle Insassen in diesem Raum tun. Er hat unheimliche Kräfte.

Die füllige Dame auf dem übernächsten Sitz neben mir, erhebt sich langsam, doch stetig, in geradezu walgleicher Eleganz. Mit leicht x-beinigem Pinguinschritt begibt auch sie sich zur Türschwelle und verschwindet kurz darauf aus meinem Blickfeld. Nun sitzen hier noch das braunhaarige Mädchen mit ihrer Mutter und ich. Einen Moment mal. Wo ist die Adlernasenfrau? Sie muss wohl die Gunst der Minute genutzt haben, als ich tief im Gedanken versunken war, und hat sich vermutlich im Schleier der Unaufmerksamkeit meinerseits aus dem Staub gemacht. Ich war wohl ziemlich abwesend.
Noch während ich über diese trivialen Dinge nachsinne, betritt ein Mann mitte bis ende vierzig den Raum. Beiges Hemd, ähnlich beige Hose, Haarausfall im fortgeschrittenen Stadium, was eine lustige Platte auf seinem spärlich behaarten Haupt erzeugte. Dazu trägt er eine ellipsenförmige Brille mit dünnem Rand. ,,Guten Tag!‘‘ sagt er freundlich und in vollem Ton zu unserer zusammengeschrumpften Gemeinschaft. Diese, für die Außenwelt in normaler Lautstärke klingende Begrüßung, war im Raum der Stille mit einem Heavy Metal-Konzert vergleichbar, da man normalerweise die Regenwürmer husten und Stecknadeln fallen hört. Noch während mein Trommelfell nachschwingt, setzt er sich beschwingt mir gegenüber auf einen der freien Stühle und blickt mich freundlich an. Eine sehr befremdliche Situation hier im Raum. Ich zwinge mich zu einem ansatzlosen Grinsen und neige meinen Kopf wieder Richtung Lichtblick meines Aufenthalts.

Adieu!

*Dong* Gerade rechtzeitig konnte ich noch eine letzte Impression aufsaugen, bevor ich sie vermutlich nie wieder sehen werde. Langsam erhebe ich mich und versuche betont lässig zur Schwelle zu schlurfen. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass sie ihren Mittagsschlaf beendet hat und mich ebenfalls aus ihrem Augenwinkel betrachtet. ,,Aufnimmerwiedersehen‘‘ denke ich mir, als ich den Türrahmen passiere und einen Gang von einem kälteren Weißton betrete. Ich blicke nach links. ,,Bitte hier entlang.‘‘ Spricht mich plötzlich eine freundliche, doch nachdrückliche Stimme von rechts an. Ich wende mich um und erblicke eine junge Dame mit blonden kurzen Haaren, völlig in weiß gekleidet, die ihren rechten Arm wegweisend von sich streckt um mich in das nächste Zimmer zu geleiten. Ich reagiere etwas langsam, was mir ein bisschen peinlich ist. ,,Oh, natürlich.‘‘ murmle ich und gehe den Gang, ihrer Weisung folgend nach rechts entlang und gelange am Ende an eine offene Tür. Dahinter befindet sich das Behandlungszimmer. ,,Warten sie bitte hier, Frau Doktor wird jeden Augenblick erscheinen.‘‘

Marco Lo Voi
marco.lovoi@vom-hundertsten-affen.de
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