Bildausdruck Niemandsland

Niemandsland

Niemandsland.

Ein Wort, das nicht gerade angenehme Gefühle hervorruft. Doch ich möchte den Begriff für mich selbst neu definieren. Ich möchte dem Niemandsland zu einem etwas besseren Ruf verhelfen.

Wikipedia gibt dem Begriff folgende Definition: Ein Land, das …

  • staatsrechtlich herrenlos ist, oder
  • von niemandem besiedelt und gepflegt oder bewirtschaftet wird, oder
  • zwischen den Frontlinien eines Krieges liegt.

 

Im Prinzip ist also ein solches Land, schlicht Land, das niemand für sich beansprucht, bzw. auf Grund von Krieg nicht beansprucht werden kann. Ich habe mir schon sehr häufig Gedanken darüber gemacht, wer denn überhaupt damit angefangen hat, Land für sich zu beanspruchen. Er oder Sie muss ein ziemlich schlauer Fuchs gewesen sein, denn dieser Mensch tat nichts, außer sich ein riesen Stück Land abzustecken und es für sich zu beanspruchen und falls notwendig mit Gewalt zu verteidigen. Damit erhielt ein ursprüngliches Gemeingut, das zufälligerweise „Erde“ genannt wird, zum ersten Mal einen von Menschen geschaffenen Wert.

„Meins!“

Ob es sich dabei genau so abgespielt hat, sei dahingestellt, doch dieses Beispiel verdeutlicht die Absurdität der Menschen, Land für sich zu beanspruchen. Mit dieser Tat nahm ein großes Unglück seinen Anfang. Damit stellte sich der Mensch über alle anderen Lebewesen und natürlich die Natur, insofern er die Möglichkeit dazu hatte. Womöglich erst danach wendete er sich seiner eigenen Spezies zu und begann, nachdem alles erobert und menschentauglich gemacht worden war, Krieg gegen seine eigene Art zu führen. Manch einer mag sagen, Kriege wurden nicht nur durch Uneinigkeiten bezüglich der Landkarten entfacht, doch ich sage, sie gründen alle auf der Idee: „Meins!“

Ein riesen Scherz

Über die damaligen Motive der Menschen, überhaupt etwas zu beanspruchen, lässt sich sicherlich lange streiten. Ich kenne diese Motive nicht, und kann sie höchstens erahnen, da ich schließlich in der Gegenwart lebe. Ich weiß nicht, was im Menschen vorging, sodass er gierig nach immer mehr Grund eiferte. Ich kann dazu nichts sagen. Was ich tun kann, ist eine Aussage über speziell unsere Zeit zu treffen und die gefundenen Motive auf die damalige Zeit anwenden. Aufgewachsen bin ich innerhalb der westlichen „Wertegemeinschaft“, die ich für mich mittlerweile ganz klar als einen riesen großen Scherz enttarnt habe. Ich habe mein Umfeld stets beobachtet und mir so Kenntnis über menschliches Verhalten verschafft, aber weder Soziologie noch Psychologie innerhalb einer Universität oder dergleichen studiert.

Das Kartenhaus

Was ich glaube herausgefunden zu haben ist, dass ein Großteil menschlicher Entscheidungen und Handlungen auf Angst gegründet sind, zumindest der Teil, der negative Auswirkungen auf unsere Welt hat. So versucht der Mensch sich selbst Sicherheiten für seine erwünschte Zukunft zu schaffen. Er kauft Land, um ein Haus zu bauen, kauft ein Auto, um zur Arbeit zu kommen oder um an einen anderen Ort zu fahren, sich von ihr zu erholen. Läuft alles glatt, bleibt die Illusion von Sicherheit erhalten, doch bei der kleinsten Ungereimtheit beginnt das sorgfältig aufgebaute Kartenhaus einzustürzen. Man verliert seinen Job, danach womöglich seinen Partner samt Kinder und wir befinden uns plötzlich auf einem Gebiet, für das wir keine gesellschaftliche Gebrauchsanweisung finden können.

Ein Niemandsland ganz anderer Art

Im schlimmsten oder besten Fall, je nach Sichtweise, handelt es sich bei der Ungereimheit um den Tod. Zieht der Tod in das Leben eines Menschen ein, tut sich eine sehr große Chance für ihn auf, die man entweder nutzt oder erneut versucht ein Kartenhaus zu errichten. Wie viele andere, habe ich diese seltsame Stimmung nach einem Todesfall innerhalb der Familie bereits erlebt. Man ist gezwungen über das Leben nachzudenken. Der Tod reißt einen in die Realität zurück und führt einem endlich vor Augen, was man jahrelang außer Acht gelassen hat. Man ist in einem Niemandsland, ganz anderer Art, unabhängig von Zeit und Ort. Doch leider fürchten sich die Menschen davor, dem Unbekannten direkt in die Augen zu schauen.

Aus Angst folgt wiederum ein vermindertes Sicherheitsgefühl, welches der Mensch mit allerlei Dingen versucht zu kompensieren. Was früher das Land war, sind heute die Konsumgüter. Beide sind sie falsche Propheten und können ihr Versprechen nach Sicherheit nicht halten.

Nun hat man wie gesagt die andere Möglichkeit, den Tod in seinem Leben als ständigen Begleiter zu integrieren. Was sich erst einmal finster und gruftimäßig  anhört, sehe ich als Chance, die dem Menschen ursprünglichste Angst zu besiegen: die Angst vor dem Tod. Doch Stopp. Was hat das alles noch mit dem Beanspruchen von Land zu tun? Von dem Versuch der Menschen also, Sicherheiten zu schaffen, indem sie in unserer Zeit immer mehr kleine Besitztümer anhäufen schließe ich nun auf das Motiv der Menschen in der Vergangenheit. In der Geschichte war das Abstecken von Land nur der Anfang des Menschen, eine Illusion der Sicherheit zu erschaffen. Ob unsere Gegenwart das Ende dieser Illusion darstellt, weiß ich nicht.

Der größte aller Sicherheitsverluste

Irgendwann, und das spätestens sobald der eigene Tod kurz bevor steht, werden wir unweigerlich mit dem größten aller Sicherheitsverluste konfrontiert: dem Tod. Lässt man sich darauf ein, endlich zu akzeptieren, dass Sicherheit nicht existiert, erfährt man, dass Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern der Tod zur Definition von „Leben“ dazugehört und es sich anders herum genauso verhält. Außerdem und damit endgültig, dass unsere Bestrebungen nach Sicherheit stets vergebens waren, weil wir noch eine Komponente des Lebens vergessen haben, die die Konsequenz aus der Abhängigkeit von Leben und Tod darstellt: die Vergänglichkeit.

In unserem Beispiel bauen wir ein Haus auf unserem abgesteckten Land. Das Problem dabei ist, dass wir unser Heim unwissend auf Sand aufgebaut haben. Die Vergänglichkeit stellt den Sand dar. Der Tod, das Zusammenfallen des Hauses, der uns klar machen soll, dass es keinen Sinn macht zu versuchen, Sicherheiten innerhalb eines riesen Organismus zu schaffen, dessen einzige Konstante die Vergänglichkeit selbst darstellt. Nicht umsonst galten schon immer diejenigen als weise, die sich mit der Vorstellung des Sterbens angefreundet und ihren Frieden damit geschlossen haben.

Eine Chance

Geographisches Niemandsland zu beanspruchen, gehört der Vergangenheit an. Es gibt kaum einen Flecken Erde, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht zugeordnet wurde. Was nicht Eigentum genannt wird, ist entweder hochgefährlich zu betreten (Krieg) oder von keinem Interesse für den Menschen (tiefe Arktis). Nun ist es an der Zeit das neu entdeckte Niemandsland zu betreten, um endlich ablassen zu können von dem unnatürlichen Drang immer häufiger noch „Meins!“ zu brüllen. Treten wir unseren ureigensten Ängsten entgegen, haben wir die Chance, die Welt aus unserer Kontrolle zu entlassen und endlich ein wahrer Teil von ihr zu werden.

Florian Reinmold
florian.reinmold@vom-hundertsten-affen.de
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