Grenzen

Über Sprache und Identität in Zeiten von Abschottung und Grenzziehung

Ein Beitrag von Hans Noah Bracht

Das Eigene im heillosen Durcheinander.

Zugegeben, es fällt schwer die Katalanen zu verstehen. Einige derer, die für die Abspaltung von Spanien plädieren, meinen, Sprache und Volk Kataloniens seien unterdrückt. Sie fühlen sich von der Zentralregierung ungerecht behandelt.
Dies mag zu früheren Zeiten zugetroffen haben. Heute kann man jedoch sagen, dass dies so nicht ganz stimmt. Dennoch sollte man versuchen, die Grenzziehung vonseiten der Katalanen nachzuvollziehen. Was die Katalanen vor allem verbindet, das ist die Sprache. El Catalan. Dass sich ein Volk mit seiner Sprache identifiziert ist überaus nachvollziehbar. Sprache ist unmittelbar verbunden mit dem Eigenen, mit der persönlichen Identität.

Der Mensch findet sich in seiner Sprache wieder. Die Sprache ist für ihn Heimat. Sprache ist regionale Identität, oft im großen, oft aber auch im kleinen Rahmen. Das Individuum kommuniziert in der jeweiligen Sprache, es denkt in dieser Sprache. Die gemeinschaftliche Sprache ist etwas, was den Menschen innerhalb seiner kulturellen Gruppe zu einer zusammengehörigen Einheit macht.

 

„Wir“ und „die Anderen“

In Zeiten von solchen Separationsbestrebungen, sind Betrachtungen von Sprache und Identität erst recht relevant. Denn Sprache ist nicht nur wichtiger Faktor für die jeweilige Eigendefinition, sie ist dadurch auch stets eine Grenzziehung. Sprache wird damit zu einem wichtigen Faktor in Bestrebungen zur Unabhängigkeit, der von den Verfechtern der Independenz häufig ins Feld geführt wird. Denn worum es im Eigentlichen geht, das ist die Frage der Identität. Wer sind wir? Wir sind Katalanen. Und wer sind die anderen? Das sind alle, die keine Katalanen sind. Die Spanier, die Zentralregierung.

Es zeigt sich, dass Politik längst ein Kulturkampf ist. Es geht überall auf der Welt um Religion, um Herkunft, um die Anpassung an eine „Leitkultur“ und natürlich auch um Sprache. Dabei ist Spahns Meckern bezüglich Englischsprachiger in Berliner Cafés nur die Spitze des verblendeten Eisbergs.

 

Zeiten von Grenzziehungen

Die Fragen, denen man sich primär sprachlich versucht zu widmen, sind in unserem heutigen Zeitalter der Identität kulturelle Fragen. Fragen nach dem Verbindenden. Was macht uns zu Deutschen? Was macht uns zu Katalanen? Was macht uns zu Spaniern?
Sie gehen einher mit der Frage Wer ist wir? Sie beinhalten damit zwangsläufig die Frage Wer sind die anderen? Es ist immer eine Grenzziehung, bei grundsätzlicher Eigengruppenbegünstigung (es lohnt ein Blick in die Sozialpsychologie). Diese Begünstigung des Eigenen, endet zwangsläufig in der Abgrenzung zu dem Anderem.

Wohl ist es schwierig, die Situation in Spanien verstehen zu können. Beunruhigende Tatsache ist jedoch, dass sich die Dialektik zwischen ebenjenem uns und dem anderen bewegt. Dies passt durchaus in die heutige Zeit. In einer globalisierten Welt wird die individuelle Suche nach dem Verbindenden immer schwieriger. Die schiere Vielfalt überfordert viele Menschen, sie flüchten sich ins Nationale, in das ihnen bekannte. Damit laufen sie häufig jenen Parteien in die Arme, die alles Übel auf die anderen abschieben. Das Resultat sind verhärtete Fronten, mehr Regionalismen, mehr Abschottung.

Ziel sollte sein, im Dialog die Vielfalt aller zu besprechen, das Verbindende hervorzuheben. Vor allem, sollten wir versuchen, dieser überall um sich greifenden Angst vor „dem anderen“ zu widersetzen.

 

Marco Lo Voi
marco.lovoi@vom-hundertsten-affen.de
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