Vergänglichkeit - Das Prinzip des Alterns

Vergänglichkeit – Das Prinzip des Alterns

Vorab möchte ich beiden Seiten versichern. Diejenigen, die eine theosophische Abhandlung über den Buddhismus erwarten und diejenigen, die genau dieses nicht wünschen. Es wird sich im Kern nicht darum drehen, wobei es unerlässlich sein wird, einige Gedanken der Lehren Buddhas aufzugreifen. Was folgt, ist die Sicht eines Menschen, der versucht, das Wesen der Vergänglichkeit zu ergründen:

(K)ein typisches Leben?

Immer öfter ertappe ich mich selbst mit Gedanken, die man eigentlich der Großelterngeneration, die mit müden Augen auf die heranwachsenden Enkel blickt, zudenken würde. Stattdessen sitzen sich zwei Zweiundzwanzigjährige auf ihren Kissen gegenüber und ziehen es vor, ihr Bierchen in den eigenen vier Wänden zu genießen, während im Zentrum der Stadt die Bars angefüllt mit Leben sind. „Das ist uns zu wild.“, „Zu teuer.“, „Zu stressig.“. Und prosten uns in trauter Zweiundzwanzigsamkeit zu. Im Grunde fühle ich mich blutjung, mitten im Leben, in einem Lebensstadium größter Wissensbegierde, Interessenvielfalt und einem zeitweise unbändigen Tatendrang. Mitten im Leben? Von welchem Leben sprechen wir hier? –

Ich denke ich führe kein typisches Leben. Denke über Vieles viel nach. Wüsste nicht, wann ich mich das letzte Mal aus Herzensgrund langweilte, da ich ständig über irgendetwas nachsinne, denke sogar darüber nach, ob ich nicht über so vieles mehr nachdenken könnte, wenn da nicht die notwendigen Gedanken wären, die ich aufbringen muss, um universitäre Angelegenheiten zu besorgen. Was nicht heißen soll, dass ich dies bedaure, im Gegenteil, es fördert die übrigen Augenblicke der Gedanken, die in meinem Unterbewussten schwelen und in schmalen Zeitfenstern aus diesem See an Gedanken, an die Oberfläche des digitalen Weiß gehoben und in Form schwarzer Lettern, auf einem Bildschirm gebannt werden.

Strand der Logik

Dies soll jedoch nicht das Thema sein. Diese Form des Wandelns über die Flure meines Lebens jedoch, bildet die Grundlage für bestimmte Beobachtungen, die ich aufgrund nicht unwesentlicher Begabung zum Wort verschriftliche, um diese geborgenen Gedanken auf dem Strand meiner Logik, in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Was an sich ein sehr egoistischer Beweggrund ist. Nichtsdestotrotz hoffe ich diese Gedanken mögen dennoch Anklang finden und eventuelle Anregungen zum Andersdenken fördern, wenn nicht gar Samen meines eigenen Gedankenguts in Köpfe pflanzen. Didaktisch unklug, doch der Ehrlichkeit geschuldet, lasse ich den vorherigen Satz so stehen. Der Exkurs erschöpft sich. Ich maße mir an zu behaupten, einen gewissen Durchblick für Dinge zu besitzen, um Dokumente wie diese abfassen zu können. –

Das Leben von dem ich spreche, ist also nicht das Leben, wie es sich für die meisten gestaltet. Dies soll keine Hasspredigt auf die vorherrschende Gesellschaft sein, von diesen gibt es mehr als genug, viel mehr möchte ich auf einen bestimmten Aspekt hinweisen: Auf die Vergänglichkeit unseres heutigen Lebens. In der Zeit, in der mit Worten wie: Nachhaltigkeit, Fortschritt, Wissen, Technisierung, etc. um sich geworfen wird, hat sich in dramatischer Weise ein Aspekt wie ein unsichtbarer Parasit, ein gemeiner Virus, ein vergifteter Keimling eingeschlichen. Oftmals wird er unter dem weniger mit Wortgeschichte behafteten Begriff Schnelllebigkeit geführt – alleine das Wort klingt schon so postmodern, so zügig, mit diesen drei Ls „lll“.

Schnelllebigkeit

Ironischer könnte man es nicht ausdrücken. Heutzutage muss man sich der Schnelllebigkeit anpassen, alles muss schnell gehen, denn es geht alles immer zu langsam: Das Internet, die Autos, der Paketlieferservice, der Einstieg ins Berufsleben, der Langstreckenflug, das Öffnen der neusten Gaming-App,… so wird mehrmals jährlich ein neues Automodell präsentiert, eine neue Internetleitung entwickelt, der Amazon Prime-Account aktualisiert, ein neues Bildungssystem verabschiedet, ein neues Smartphone gekauft.

Bei allem was wir tun, bei allem was wir besitzen, bei allem wonach wir streben: Wir blicken stets in die hoffentlich bald zur Gegenwart werdenden Zukunft, die im Grunde abstrakt und noch nicht präsent, in unseren Köpfen aber schon zum Ist-Zustand geworden ist. Mit großen Augen blicken wir in unser Tablet und googeln das Erscheinungsdatum des Nachfolgermodells. Mit neidischem Blick stieren wir in der Bahn auf das gerade erschienene iPhone des Gegenüber, weil man ja selbst schon wieder die alte Vorgängerversion in den Händen hält. Das ist die Schnelllebigkeit unserer dynamischen Gesellschaft. Sie haben flexibel, zielstrebig und belastbar zu sein. Im Grunde heißt das, Sie müssen sich allem beugen können, den Ist-Zustand zu ihrer Vorvergangenheit machen und im Gegenzug die Zukunft zum Jetzt und dabei dürfen Sie, auch wenn Sie noch ein, zwei, zehn Überstunden machen, bloß nicht müde oder erschöpft sein. Dann wären sie den Ansprüchen nicht mehr gerecht und wir müssten sie durch ein aktuelleres Modell ersetzen.

Die Zukunft ist Jetzt. Der Fortschritt ist nah. Hören Sie auf zu sein und fangen Sie gefälligst an zu werden!

Der unablässige Blick nach vorn

Betrachten wir nun einmal die andere Seite. Wir schauen als immer nach vorn, ersetzen das Alte mit dem Neuen. Machen das Zukünftige zum Aktuellen. Was geschieht nun aber mit den Dingen, die ersetzt werden? Anders ausgedrückt: Die zunehmende Geschwindigkeit des Fortschritts, von dem unser System abhängt, impliziert eine ebenso an Geschwindigkeit zunehmende Vergänglichkeit. Denn wenn dein Handy nächstes Jahr ausgetauscht wird, da das dein Vertrag vorsieht, ist die Zeitspanne des aktuellen Modells auf weniger als seine Funktionszeit verkürzt worden. Um denjenigen Pfennigfuchsern, die sich gerne mal etwas Neues leisten möchten, das sie dann aber auch gedenken einige Zeit in Verwendung zu haben, ebenfalls die Tour zu vermasseln, greift die Industrie zu Tricks, wie den sogenannten Sollbruchstellen. Programme, Teile oder Teile von Teilen, die nur eine sehr begrenzte Laufzeit haben, unnötig zerbrechlich sind oder so geschrieben wurden, dass das Produkt nach einer bestimmten Anzahl an Vorgängen schlichtweg den Geist aufgibt. Dort, wo es die Möglichkeit des Widerstandes gegen die Schnelllebigkeit gäbe, wird einem ein Bergmassiv entgegengestellt, das zu bezwingen unmöglich ist.

Die Vergänglichkeit bezieht sich allerdings nicht nur auf weltliche Dinge. Es geht auch um geistige Inhalte. Trends, Moden, Styles und Hypes sind von jetzt auf gleich in, out, oder retro, sodass ich – womit wir endlich die Brücke zum Beginn schlagen und einen Sinnzusammenhang, so hoffe ich, herstellen können – mir immer häufiger denke: „Ich kann mit diesem neumodischen Zeug nichts mehr anfangen.“ Nun gut, ich räume ein, dass ich ein bekennender Liebhaber des Antiken, des Vergangenen, des Veralteten bin, dennoch wehre ich mich nicht gänzlich gegen Aktuelles. Allerdings überkommt mich mehrheitlich eine starke Abneigung, wenn ich sehe, was gerade in Mode, in den Charts oder gerade so gesagt, gehört und gelesen wird. Mit Zweiundzwanzig stelle ich fest, dass ich schon auf einem völlig veralteten Stand bin. Noch vor zehn Jahren war alles so unglaublich anders, man kann sich schon fast nicht mehr entsinnen.

Erst wollte ich schreiben: „Ich habe Bedenken, wenn ich in die Zukunft philosophiere…“ Nun aber entscheide ich mich für: Mich befällt eine nervöse Aufregung, wenn ich an die kommenden Jahre denke. Ich habe gelernt Veränderungen zu begrüßen, auch wenn mich manchmal eine Angst befällt, vor dem was kommt, vor dem was ist.

Festigt euer Sein!

Um zu einem resümierenden Schluss zu kommen, möchte ich den geneigten Lesern Folgendes ans Herz legen: Lernt das Jetzt zu schätzen, entschleunigt euer Werden und festigt euer Sein. Erkennt euch in dem was ihr seid, nicht in dem was ihr zu werden gedenkt. Lernt euch zu schätzen und zu lieben, für das was euch ausmacht. Natürlich muss das Leben seinen Lauf nehmen, doch gestaltet euch diesen Lauf der Dinge selbst, bestimmt den Fortgang eures Werdens und nehmt euch Zeit, um über die Dinge nachzudenken, wie sie sind. Trachtet nicht ausschließlich nach materiellem Hab und Gut, denn so sehr ihr euch danach sehnt, wisst ihr doch im Grunde genommen, dass es, so wie das Jetzt, bald schon wieder Vergangenheit ist, worauf das Nächste folgt, was jedoch ebenfalls nur Teil des Kreislaufs ist…

Denn vergesst nicht:

Alles ist vergänglich.

Auch wir.

 

Was ist eure Sicht auf die Zukunft? Seid ihr voller Zuversicht oder habt ihr Angst vor dem was vielleicht kommen mag? Teilt eure Gedanken und spendet denjenigen Mut, die mit getrübtem Blick nach vorne sehen.

Marco Lo Voi
marco.lovoi@vom-hundertsten-affen.de
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